Zu Hause sein

In diesen Tagen erleben viele von uns, was es heißt „zu Hause zu sein“. Es bedeutet auch, dass wir neue Strukturen und Rituale finden müssen in dieser Zeit.

Zu Hause sein – bedeutet auch: Zeit zu haben für mich selbst. Wenn der Fernseher, die Hörbücher, das Radio, die Livestreams ausgeschaltet sind und Telefon oder Handy außer Betrieb sind, kommen plötzlich die Gedanken und die Erkenntnis, dass Ablenkung mich nicht immer weiterbringt. Da bin ich ausgeliefert – mir selbst und meinen eigenen Gedanken und Gefühlen. Gar nicht so leicht, bisweilen. Und auch irgendwie eine große Chance.

Ich merke, dass die Zeit alleine zu Hause für mich auch etwas von Exerzitien* hat. Ich fange an darüber nachzudenken, was mir wichtig ist und was nicht. Ich fange an bei mir selbst anzukommen, bei mir selbst zu Hause zu sein. Und das ist ein sehr schönes Gefühl. Ich werde ruhig.

Immer wieder gelingt es mir, die Grübel-Stopp-Taste in meinem Kopf zu drücken (die Idee dazu habe ich übrigens vor einigen Jahren von meiner Begleiterin bei Heilungsexerzitien bekommen) und meinem Fastenvorsatz zu folgen (voller Zuversicht bleiben! 7-Wochen-ohne-Pessimismus nach der Fastenaktion der evangelischen Kirche). Und dann entsteht da auch Raum, den Gott füllen kann – mit seiner Liebe.

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich wünsche Dir, dass das Zu-Hause-sein Dir hilft, auch innerlich zu Hause anzukommen, unabhängig von den Umständen, in denen Du zu Hause bist.

(Dieser Text ist aus der Perspektive einer alleinlebenden Frau geschrieben und mir ist bewusst, dass beispielsweise die Ausgangssituation für Familien mit Kindern eine ganz andere ist.)

Juliane Schaad, 21.03.2020

*Exerzitien sind geistliche Übungen, um mithilfe von inhaltlichen Anregungen, Stille, Gesprächen mit einem Begleiter oder einer Begleiterin über sich und das eigene Leben ins Nachdenken zu kommen. Wichtige Elemente sind Zeit in Stille, Zeit für sich allein und Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen und oft auch Zeit in der Natur. Es gibt unendlich verschiedene Formen von Exerzitien, von Exerzitien im Alltag zu Hause, über Schweigeexerzitien im Kloster, bis hin zu Sport-, Wander-, Musikexerzitien oder Exerzitien auf der Straße in einer Großstadt usw.

3 Antworten auf „Zu Hause sein“

  1. Liebe Juliane,

    ich darf dich doch so nennen? Keine Ahnung, ob wir uns schon getroffen haben. Ich war ein paar Mal bei den Treffen von Emmanuel in Mannheim. Als Single komme ich mir in der katholischen Kirche vor wie eine Exotin, denn die meisten KatholikInnen sind verheiratet, haben Kinder, vielleicht schon Enkel, ein Haus, einen Garten, sind in mindestens einem Verein, vielleicht sogar im Vorstand und sind selbstverständlich berufstätig oder RentnerIn. Ihr Alltag ist bestimmt von Notwendigkeiten. Ich dagegen lebe alleine, meine Verpflichtungen habe ich mir selbst ausgesucht und kann sie auch jederzeit wieder aufgeben. Mein Leben ist anders. Ich habe, nicht nur in Zeiten von Corona, viel Zeit zum Nachdenken, aber niemanden, mit dem ich mich darüber austauschen kann. Deshalb habe ich schon vor Jahrzehnten angefangen zu schreiben. „Papier ist geduldig!“, sagte meine Mutter immer. Genau! Gott auch, aber das ist doch etwas anderes. Vielleicht führt der Virus ja die zusammen, die weder Kinder noch Garten noch … (s.o.) haben. Dann hätte er sogar einen Sinn!
    Bleib gesund und liebe Grüße, Hildegard

    1. Hallo Hildegard!
      Danke für Deine Gedanken und Grüße.
      Ich vermute, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass wir uns schon getroffen haben, da ich nur ein einziges Mal bei einem Emmanuel-Treffen in Mannheim war. Ich bin mehr im Mainzer-Frankfurter Raum aktiv.
      Ja, das ist ein Thema. Allerdings betrifft das aus meiner Sicht nicht nur die Kirche, sondern die gesamte Gesellschaft. Manchmal wird von außen vermittelt, dass das Alleinsein ein Makel sei. Allerdings wer sagt das denn? Und wer bestimmt was die Norm ist und was nicht? Jedes Leben und jede Lebensweise ist wertvoll und besonders. Bei manchen verläuft es halt so und bei manchen halt so. Wichtig ist, dass wir, die allein leben und keinen Partner/Partnerin haben, unser eigenes Leben selbst als wertvoll, wichtig und liebenswert annehmen, ganz egal was kommt und wie es weiter verläuft. Und ja, Gott hilft dabei 😊. Und so ist es gut, dass beispielsweise auf dieser Seite verschiedene Leute mitschreiben und daher verschiedene Perspektiven zum Tragen kommen. Ich weiß übrigens mindestens zwei weitere alleinlebende Frauen, die auch schon in diesem Blog gelesen haben.
      Mir wird in der momentanen Situation besonders bewusst, dass jede Lebensweise (egal, ob gewählt oder ungewählt) ihre eigene Herausforderungen bietet. Und wenn uns allen das bewusst wird, können wir die anderen in ihrer eigenen Situation besser akzeptieren und verstehen. Ja, es ist extrem fordernd, wenn alleine Leben im Moment heißt, dass kaum persönliche Kontakte möglich sind und erst recht niemand da ist, nicht mal Freunde oder Familienangehörige, der mich in den Arm nimmt. Der direkte Kontakt kann eben auf Dauer kaum durch irgendwas anderes ersetzt werden. Andererseits bin ich lieber allein, als dass da jemand da ist, mit dem es Spannungen gibt und der mir möglicherweise nach einer ganzen Weile nur noch auf die Nerven geht, dem ich nicht ausweichen kann und wo man trotzdem alleine ist, auch wenn andere da sind.
      Ich wünsche mir, dass in diesem Bewusstsein insgesamt die Solidarität füreinander wächst und dass alle in ihrer eigenen Situation, wahrgenommen, angenommen und geschätzt werden.
      Bleib auch Du gesund und zuversichtlich,
      mit herzlichen Grüßen
      Juliane

      1. Hallo Juliane,
        danke für deine Antwort. Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal in diesen Blog geschaut habe. Es ist viel passiert in der Zwischenzeit. Ich habe zwar kein Corona bekommen, aber meine technischen Geräte geben eins nach dem anderen den Geist auf, sodass ich alles Mögliche wiederbeschaffen muss. Am Anfang ging das gar nicht. Außerdem nutze ich eifrig den WhatsApp-Status.
        Heute habe ich mal wieder meinen Namen in die Suchmaschine eingegeben, und mir ist bewusst geworden, dass diese Beiträge alle öffentlich zugänglich sind. Ein ungewohntes Gefühl für mich, so viele Menschen erreichen zu können. Ich merke, dass ich schon ganz gerne weiß, mit wem ich kommuniziere, aber es ist ein ganz gutes Training. Wenn ich ein Buch veröffentliche, kenne ich ja auch nicht die Leser. Das ist noch einmal etwas anderes als auf der Bühne zu stehen, denn die Zuschauer geben ja immerhin ein Feedback.
        Das mit dem „Genervtsein“ kenne ich auch sehr gut. Am liebsten würde ich in einer großen Gemeinschaft leben. Hausgemeinschaft oder Ökodorf oder Kloster … Einen Rückzugsbereich und gleichzeitig viele Menschen, zu denen ich Kontakt aufnehmen kann und umgekehrt. Hat bisher nicht geklappt. Schaumermal!
        Ich hoffe dir geht es gut! Herzliche Grüße, Hildegard

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