Wenn eine Zahl ein Gesicht bekommt

Es ist schon so, dass wir uns fast daran gewöhnt haben an diese Zahl, die wir täglich in den Nachrichten genannt bekommen oder als Eilmeldung auf dem Smartphone oder in der Zeitung lesen: die 800, 900 oder 1000 Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind.

Lange schon berichten Krematorien oder Bestatter, dass sie die Anzahl der Menschen, die im Moment sterben, kaum mehr bewältigt bekommen. Und manches ist in diesem Zusammenhang nicht mehr so würdig, wie wir uns das für jeden Menschen wünschen würden.

Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das für mich verinnerlicht habe, was diese Zahl für einzelne Menschen und einzelne Familien bedeutet. Ja, jedes Jahr sterben viele Menschen in unserem Land tragisch und grausam, jeden Tag, viele Tausend. Und hinter jedem Einzelnen steckt eine Geschichte und Menschen, die um ihn oder sie trauern.

Und doch bewirkt das in uns etwas, wenn wir jeden Tag diese Zahl hören oder lesen. Manche würden jetzt vielleicht sagen, dass das politisch gewollt ist und dazu beitragen soll, die Menschen zu sensibilisieren. Wie auch immer. Vielleicht schafft es aber auch Aufmerksamkeit für ein Thema, dass lange zu sehr totgeschwiegen und in den Hintergrund gedrängt wurde: die Zerbrechlichkeit unseres Lebens und unsere Sterblichkeit.

In der vergangenen Woche nun war es soweit, dass jemand aus unserer Familie – mein Onkel – aufgrund von Covid-19 um sein Leben gerungen hat und schließlich gestorben ist. Das war der Moment, als diese tägliche Zahl für mich ein Gesicht bekommen hat. Das Gesicht eines Menschen, der mir lieb war, mit dem ich besondere Momente meiner Kindheit verbinde und den ich immer gerne getroffen habe.

Auch wenn wir alle einmal sterben müssen, ein Tod wie wir ihn für uns oder unsere Lieben wünschen würden, ist ein anderer. Mit diesem Text möchte ich all derer gedenken, die durch oder mit der Krankheit, die das Corona-Virus verursacht hat, gestorben sind: Gott nimm sie auf in sein Himmelreich. Und ich möchte Gott alle anvertrauen, die einen lieben Menschen durch Covid-19 verloren haben und denen das Abschiednehmen durch die aktuellen Umstände oft schwer gemacht wird: Gott segne sie.

(Juliane Schaad, 31.01.2021)

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