Jetzt kommt auch noch der Info-Virus

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht: Seit alle mehr oder weniger zu Hause sind, ertrinke ich in Nachrichten. Ständig kommen Meldungen auf den Messenger-Diensten, per E-Mail oder Newsletter. Bing, bing, bing, … Und fast alle Infos drehen sich um das Coronavirus.

Über die sozialen Medien werden Kontakte zu Familien-Mitgliedern, Freunden und Bekannten aufgefrischt. Firmen, Schulen, Vereine und Gemeinschaften senden permanent mehr oder weniger wichtige Nachrichten. Unzählige Videos, Livestreams und Kettenbriefe verbreiten sich wie virales Marketing.

Selbst Gebetsinitiativen und Gottesdienstübertragungen prasseln auf uns ein: Soll ich jetzt um 18 Uhr mit allen Musikern „Freude schöner Götterfunken“ aus dem Fenster trompeten, um 19 Uhr bei der weltweiten Lichteraktion mitmachen, eine Kerze ans Fenster stellen und den Rosenkranz beten oder lieber um 21 Uhr auf dem Balkon mit Ovationen dem Gesundheitspersonal danken?

Alles gute Initiativen, die ich gerne unterstützen würde. Aber ich kann leider nicht überall dabei sein. Ich schaffe es auch nicht mehr, auf jede Nachricht zu reagieren, alle erhaltenen Texte zu lesen, geschweige denn jeden YouTube-Link anzusehen, der mir weitergeleitet wird. Mehr denn je muss ich eine sinnvolle Auswahl treffen.

Das Coronavirus hat uns nicht entschleunigt – im Gegenteil wir laufen Gefahr, uns gegenseitig mit Informationen zuzuballern. Wie schütze ich mich vor der Reizüberflutung? In unserer Familie haben wir schon vor einiger Zeit eingeführt, dass wenigstens beim Essen alle Handys ausbleiben. Wer zuwiderhandelt bekommt einen Strich und bei zwei Strichen muss man einen Kuchen backen. Naja, der erste Kuchen kam von mir. 😉

Ich muss mich aber auch tagsüber bewusst dafür entscheiden, nicht aufs Handy zu schauen, Zeiten der Ruhe einzuplanen. Nicht sofort auf alles reagieren. Oh Mann, das fällt mir echt schwer! Eigentlich wollte ich doch mal ein gutes Buch lesen – und jetzt schreibe ich schon wieder was für diesen Blog …

Johannes Lerch, 22.03.2020

Zu Hause sein

In diesen Tagen erleben viele von uns, was es heißt „zu Hause zu sein“. Es bedeutet auch, dass wir neue Strukturen und Rituale finden müssen in dieser Zeit.

Zu Hause sein – bedeutet auch: Zeit zu haben für mich selbst. Wenn der Fernseher, die Hörbücher, das Radio, die Livestreams ausgeschaltet sind und Telefon oder Handy außer Betrieb sind, kommen plötzlich die Gedanken und die Erkenntnis, dass Ablenkung mich nicht immer weiterbringt. Da bin ich ausgeliefert – mir selbst und meinen eigenen Gedanken und Gefühlen. Gar nicht so leicht, bisweilen. Und auch irgendwie eine große Chance.

Ich merke, dass die Zeit alleine zu Hause für mich auch etwas von Exerzitien* hat. Ich fange an darüber nachzudenken, was mir wichtig ist und was nicht. Ich fange an bei mir selbst anzukommen, bei mir selbst zu Hause zu sein. Und das ist ein sehr schönes Gefühl. Ich werde ruhig.

Immer wieder gelingt es mir, die Grübel-Stopp-Taste in meinem Kopf zu drücken (die Idee dazu habe ich übrigens vor einigen Jahren von meiner Begleiterin bei Heilungsexerzitien bekommen) und meinem Fastenvorsatz zu folgen (voller Zuversicht bleiben! 7-Wochen-ohne-Pessimismus nach der Fastenaktion der evangelischen Kirche). Und dann entsteht da auch Raum, den Gott füllen kann – mit seiner Liebe.

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich wünsche Dir, dass das Zu-Hause-sein Dir hilft, auch innerlich zu Hause anzukommen, unabhängig von den Umständen, in denen Du zu Hause bist.

(Dieser Text ist aus der Perspektive einer alleinlebenden Frau geschrieben und mir ist bewusst, dass beispielsweise die Ausgangssituation für Familien mit Kindern eine ganz andere ist.)

Juliane Schaad, 21.03.2020

*Exerzitien sind geistliche Übungen, um mithilfe von inhaltlichen Anregungen, Stille, Gesprächen mit einem Begleiter oder einer Begleiterin über sich und das eigene Leben ins Nachdenken zu kommen. Wichtige Elemente sind Zeit in Stille, Zeit für sich allein und Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen und oft auch Zeit in der Natur. Es gibt unendlich verschiedene Formen von Exerzitien, von Exerzitien im Alltag zu Hause, über Schweigeexerzitien im Kloster, bis hin zu Sport-, Wander-, Musikexerzitien oder Exerzitien auf der Straße in einer Großstadt usw.