Nähe und Distanz – Schnappatmung und neue Fragen

Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Abstands-Gebot? Grade ist wieder mehr erlaubt, aber körperlichen Abstand halte ich nach wie vor – im Unterricht, im Gottesdienst, wenn ich Freunde treffe.

Bei der eucharistischen Anbetung habe ich mich kürzlich gefragt,  wie nahe ich eigentlich an Jesus herandarf. Muss ich da auch zwei Meter Entfernung halten? Wenn die verwandelte Hostie oben auf dem Altar ausgestellt ist, darf ich mich dann davor hinknien – mit ca. 1 Meter Abstand? Halte ich diese Nähe überhaupt aus? Über WhatsApp bekomme ich täglich Impulse zum Tagesevangelium, oft mit der Aufforderung, mich in die Szene hineinzudenken. Dann heißt es zum Beispiel: „Ich stelle mir vor, wie ich unter den Jüngern nahe bei Jesus sitze und seinen Worten lausche.“ Oder sogar: „Ich lehne meinen Kopf an Jesu Brust.“

Da bekomme ich Schnappatmung. Das würde ich mich NIE getrauen. Wenn Jesus jetzt tatsächlich auftauchen würde, hier in die Kirche hereinkäme mit anderen Menschen – wer bin ich, dass ich mich aufrecht ganz nah zu ihm hintrauen würde, mich sogar vordrängeln würde? Wahrscheinlich würde ich im sicheren (für mich sicheren) Abstand Deckung hinter anderen Menschen suchen (und zu ihnen keinen Abstand halten). Da bestünde überhaupt gar nicht die Gefahr, dass ich die 2 Meter zu Jesus hin unterschreite. Hmm, warum eigentlich? Dem sollte ich mal nachgehen …

Was wäre also, wenn Jesus jetzt hier leibhaftig hereinkäme? Halt! Ist er nicht schon da? Hier vor mir, in Gestalt der Hostie? Zumindest glaube ich das als Katholikin, mal eindeutig, mal verschwommen, mal nur im Bemühen. Das hatte ich vergessen. Komisch, dass ich hier keine Angst vor Nähe habe. Wieder Stoff zum Nachsinnen …

Nicht umsonst sind ja der Altarraum und der Tabernakel vom Rest der Kirche abgesetzt. Hier ist ja unser größter Schatz. Das Wichtigste, was es gibt. Hier ist der Herrscher der Welt! Sollte ich da nicht überwältigt und respektvoll Distanz halten, ein bisschen Schnappatmung inklusive?  Glaube ich also vielleicht doch nicht so richtig, dass er wirklich hier ist? Habe ich mehr Angst vor den Menschen als Angst vor Gott? Ist meine Furcht größer als meine Ehrfurcht? Neue Fragen dank Corona.

Auf jeden Fall hat Jesus die Nähe nie gescheut, das beruhigt mich. Den Aussätzigen, in strenger Quarantäne, hat er nicht im Abstand von zwei Metern geheilt, sondern ihn berührt. Die Frau, die an Blutungen litt und als Unreine niemanden berühren durfte, hat sein Gewand berührt – und er hat sich ihr zugewandt. Da wird er auch mein Problem mit Nähe und Distanz auf die Reihe kriegen. Auch deshalb bleibe ich hier, vor ihm.

(Bernadett Groß, 27.06.2020)

Trotzdem Ja zum Leben sagen

Während des Lockdowns ab Mitte März habe ich ein Buch von Viktor E. Frankl, dem Begründer der Logotherapie , gelesen. In diesem beschreibt er seine Zeit im Konzentrationslager. Trotz dieses schweren Themas ist sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von einem optimistischen Ton getragen.

Auch wenn unsere Zeit nicht mit der Situation vergleichbar ist, die Frankl durchlebt hat, so bleiben mir doch seine Lehren, die er aus dieser Zeit gezogen hat und die ich mit Euch teilen möchte, im Gedächtnis. Ich finde, sie können für uns gute Orientierungspunkte sein, um durch diese Wochen und die Nach-Corona-Zeit zu kommen.

Hier nun ein paar seiner Erfahrungen/Gedanken:

  • Jeder Mensch hat in jeder Lage die Freiheit, sich zu den ihn umgebenden Verhältnissen so oder so einzustellen. Wichtig ist die innere Einstellung zu den Dingen.
  • Die geistige Freiheit des Menschen lässt ihn die Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten – auch im Leiden.
  • Wer keinen inneren Halt hat, lässt sich geistig und menschlich fallen und verfällt den äußeren Einflüssen. Wer einen inneren Halt hat, kann sich dagegen wehren.
  • Wer das Warum des eigenen Lebens und sein Lebensziel kennt, kann das Wie der gegenwärtigen Lage ertragen und ist ihr gewachsen.
  • „Leben heißt also: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt und für die Erfüllung der Forderung der jeweiligen Stunde.“
  • Diese Forderung und damit der Sinn des Lebens ist von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick verschieden und jeweils sehr konkret.
  • Jeder Mensch steht mit seinem auch leidvollen Schicksal im ganzen Kosmos einmalig und einzigartig da. Darin wie er oder sie als Betroffene(r) das Leid trägt, liegt die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung. Diese Sicht der Dinge kann vor Verzweiflung retten.

Soweit Frankls Gedanken.

Vielleicht können gerade dann, wenn wir in diesen Zeiten neu nach dem Sinn unseres Lebens und speziell dieser besonderen Wochen und Monate fragen, diese Impulse für unser Leben fruchtbar werden.

Ludger Fest, 23.05.2020