Täglich 10 Minuten Stille schenken

Angesichts der aktuellen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und die schwierigen gesellschaftlichen Entwicklungen hat die Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien einen schönen Lösungsansatz entwickelt, an dem jede und jeder mitwirken kann. Er ist einfach und herausfordernd zugleich: Schenk dir und anderen täglich 10 Minuten Stille!

Du beginnst einfach damit, nachzudenken, wofür du gerade dankbar bist. Danach kannst du all denjenigen, die es schwer haben, von Herzen Gutes wünschen. Ob du nun gläubig bist oder nicht, jede und jeder kann mitmachen: entweder mit deinen wohlwollenden und positiven Gedanken oder direkt an Gott gerichtet – mit deinem Dank oder einer Bitte für Menschen, die Hilfe brauchen. Ob so oder so, in jedem Fall wird es unser Denken und unser Handeln inspirieren und neu beleben und uns trotz aller Distanzen miteinander verbinden.

Ohne echtes Innehalten gibt es nämlich keine Hoffnung für einen neuen Zusammenhalt und eine großherzige Solidarität, die heute so dringend gebraucht werden. Ganz begeistert von dem ungewöhnlichen Aufruf ist Philippe Pozzo di Borgo, der Welterfolgs-Autor von „Ziemlich beste Freunde“. Sein verfilmtes Schicksal als schwer Gelähmter nach einem  Paragleiter-Unfall und seine Freundschaft mit dem unprofessionellen Pfleger Driss bewegten weltweit viele Menschen. Nicht alle könnten gleich „Ziemlich beste Freunde“ werden, aber unsere zerrissene Gesellschaft könne sich nur erneuern, so Philippe, „wenn wir im Anderen seine Vielschichtigkeit, Zerbrechlichkeit und sein Ruf nach Würde“ neu entdeckten. Das „Virus der Hoffnung“ wachse erst in der „bewohnten Stille“, wo wir nämlich unseren „inneren Reichtum“ fänden.
 
Die Resonanz auf die ersten Einladungen an Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen und politischer Richtungen ist gewaltig. Dass nun Stille wie ein geheimes Heilmittel wirkt, scheint nicht nur Bischöfe wie Hermann Glettler und Kardinal Christoph Schönborn zu überzeugen, auch Schauspielerin Maria Happel oder Kollege Cornelius Obonya, ORF-TV-Moderatorin Barbara Stöckl, der Psychiater Michael Lehofer und der Genetiker Markus Hengstschläger haben sich bereits der Aktion angeschlossen.

Wer mitmachen möchte, kann sich auf der Website oder über Facebook eintragen und sich von vielen konkreten Beispielen inspirieren lassen: www.stilleschenken.com
 
(Otto Neubauer, 03.12.2020)

Nähe und Distanz – Schnappatmung und neue Fragen

Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Abstands-Gebot? Grade ist wieder mehr erlaubt, aber körperlichen Abstand halte ich nach wie vor – im Unterricht, im Gottesdienst, wenn ich Freunde treffe.

Bei der eucharistischen Anbetung habe ich mich kürzlich gefragt,  wie nahe ich eigentlich an Jesus herandarf. Muss ich da auch zwei Meter Entfernung halten? Wenn die verwandelte Hostie oben auf dem Altar ausgestellt ist, darf ich mich dann davor hinknien – mit ca. 1 Meter Abstand? Halte ich diese Nähe überhaupt aus? Über WhatsApp bekomme ich täglich Impulse zum Tagesevangelium, oft mit der Aufforderung, mich in die Szene hineinzudenken. Dann heißt es zum Beispiel: „Ich stelle mir vor, wie ich unter den Jüngern nahe bei Jesus sitze und seinen Worten lausche.“ Oder sogar: „Ich lehne meinen Kopf an Jesu Brust.“

Da bekomme ich Schnappatmung. Das würde ich mich NIE getrauen. Wenn Jesus jetzt tatsächlich auftauchen würde, hier in die Kirche hereinkäme mit anderen Menschen – wer bin ich, dass ich mich aufrecht ganz nah zu ihm hintrauen würde, mich sogar vordrängeln würde? Wahrscheinlich würde ich im sicheren (für mich sicheren) Abstand Deckung hinter anderen Menschen suchen (und zu ihnen keinen Abstand halten). Da bestünde überhaupt gar nicht die Gefahr, dass ich die 2 Meter zu Jesus hin unterschreite. Hmm, warum eigentlich? Dem sollte ich mal nachgehen …

Was wäre also, wenn Jesus jetzt hier leibhaftig hereinkäme? Halt! Ist er nicht schon da? Hier vor mir, in Gestalt der Hostie? Zumindest glaube ich das als Katholikin, mal eindeutig, mal verschwommen, mal nur im Bemühen. Das hatte ich vergessen. Komisch, dass ich hier keine Angst vor Nähe habe. Wieder Stoff zum Nachsinnen …

Nicht umsonst sind ja der Altarraum und der Tabernakel vom Rest der Kirche abgesetzt. Hier ist ja unser größter Schatz. Das Wichtigste, was es gibt. Hier ist der Herrscher der Welt! Sollte ich da nicht überwältigt und respektvoll Distanz halten, ein bisschen Schnappatmung inklusive?  Glaube ich also vielleicht doch nicht so richtig, dass er wirklich hier ist? Habe ich mehr Angst vor den Menschen als Angst vor Gott? Ist meine Furcht größer als meine Ehrfurcht? Neue Fragen dank Corona.

Auf jeden Fall hat Jesus die Nähe nie gescheut, das beruhigt mich. Den Aussätzigen, in strenger Quarantäne, hat er nicht im Abstand von zwei Metern geheilt, sondern ihn berührt. Die Frau, die an Blutungen litt und als Unreine niemanden berühren durfte, hat sein Gewand berührt – und er hat sich ihr zugewandt. Da wird er auch mein Problem mit Nähe und Distanz auf die Reihe kriegen. Auch deshalb bleibe ich hier, vor ihm.

(Bernadett Groß, 27.06.2020)

Mit Abstand betrachtet

Im Moment ist so herrliches Wetter und ich gehe jeden Tag eine Zeit lang an die frische Luft, um Sonne zu tanken und ein bisschen Bewegung zu bekommen.

In unserem Dorf ist nicht viel los, trotzdem trifft man immer wieder jemanden. Wobei, „treffen“ ist ja fast zu viel gesagt. Man versucht, sich so weit es geht aus dem Weg zu gehen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich plötzlich misstrauisch geworden bin und bei jedem Entgegenkommenden abschätze, ob er nicht vielleicht schon infiziert sein könnte. Ich mache einen entsprechend großen Bogen und ärgere mich, wenn mein Gegenüber nicht auch deutlich versucht, auf Distanz zu bleiben. Auf diese Art wird der Frühlingsspaziergang schnell zum Spießrutenlauf. Nur wo es menschenleer ist, genieße ich die frische Luft.

Stopp! So möchte ich nicht denken! Jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, baut zu der räumlichen Distanz auch noch eine mentale auf. Dabei sind die allermeisten Menschen bemüht, niemanden in Gefahr zu bringen. Das nehme ich mir zu Herzen.

Beim nächsten Spaziergang mache ich wieder einen großen Bogen, lächle die Leute dabei aber an. Die Leute lächeln zurück. Einmal amüsiert sich ein älteres Paar darüber, dass unsere Großfamilie im Gänsemarsch an ihnen vorbeizieht, schön hintereinander, auf der anderen Straßenseite. Wir lachen.

So ist das doch viel besser zu ertragen. Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Alexandra Gottwick, 28.03.2020