Warten …

In unserer schnelllebigen Zeit fällt es uns heute zunehmend schwer, zu warten. Wir alle – da schließe ich mich ein – sind ungeduldig geworden: Sei es im Straßenverkehr, in der Warteschleife einer Telefonanlage oder beim Anstehen an einem Corona-Testcenter, wie wir es neulich erlebt haben. Trotz gebuchtem Termin kamen wir erst nach ca. einer Stunde dran.

In der Corona-Pandemie warten wir darauf, dass die Inzidenzzahlen so weit heruntergehen, dass wieder normale Begegnungen möglich werden.

Im Advent warten wir Christen auf die Ankunft des Herrn. Hier fällt uns das Warten leichter, denn wir wissen bereits, wann das Ereignis eintritt: am 24. Dezember beginnt die Weihnachtszeit.

Bei Corona ist das schwieriger, denn wir wissen nicht, wann die Pandemie vorbei ist und wie sich die nächsten Monate entwickeln werden. Die Zukunft ist also ungewiss.

Auch wenn wir am Bahnhof auf die Ankunft eines Zuges warten, wissen wir oft nicht, ob wir bei einer Verspätung noch den geplanten Anschluss erreichen. Die Ungewissheit macht uns zu schaffen. Und da kommt die Hoffnung ins Spiel.

Wie eine schwangere Frau auf die Geburt des Kindes wartet und hofft, dass alles gut geht, so waren auch Maria und Elisabeth guter Hoffnung und vertrauten darauf, dass etwas Größeres geschieht, wenn sie durch das Tal der Schwangerschaft hindurch sind. In ihrer Begegnung haben sie über das gesprochen, was sie bewegt. Und im wahrsten Sinne des Wortes bewegte sich bei Elisabeth ihr Kind im Bauch, so erzählt es das Evangelium am 4. Advent (Lukas 1,39-45).

Die Zuversicht hilft uns, das Warten zu ertragen. Corona macht zwar das ganze Jahr zur Geduldsprobe. Aber die Vorfreude auf das, was danach kommt, lässt uns zuversichtlich werden. Freuen wir uns auf die Begegnungen, die nach der Corona-Zeit wieder möglich sein werden. Und freuen wir uns schon jetzt auf die möglichen Begegnungen in der Weihnachtszeit.

Weihnachten ist das Angebot Gottes, uns Menschen zu begegnen und dadurch unser Leben zu verändern – heute wie vor 2000 Jahren. Wir Menschen sind auf Begegnung hin angelegt und können ohne sie nicht leben, wie Martin Buber sehr treffend formuliert hat: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.

Johannes Lerch (19.12.2021)

Jenseits von richtig oder falsch

„Jenseits von richtig oder falsch liegt ein Ort. Dort begegnen wir uns.“ (Dschalal ad-Din ar-Rumi)

Heute ist wieder einer dieser Tage, wo alle in Deutschland darauf warten, was Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer für die nächste Zeit an Regeln, Geboten und Verboten in Bezug auf die Corona-Pandemie beschließen. Sie müssen entscheiden, was das Beste für die Menschen hier ist und wie ihrer Meinung nach endlich die Zahlen der Infizierten, Toten und Menschen mit Covid-19 auf den Intensivstationen zurückgehen kann.

Auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, was uns am Ende der Beratungen verkündet wird, weiß ich doch, dass die Meinungen darüber stark auseinander gehen werden: Für die einen werden die Beschlüsse nicht weit genug gehen und die anderen werden sich darüber empören, welche Einschränkungen und Hindernisse uns aufgebürdet werden.

Was ich auch weiß ist, dass es ein richtig oder falsch objektiv nicht geben wird, schon gar nicht jetzt vor dem nächsten Wegstück in dieser Pandemie. Nach der nächsten Biegung werden wir vielleicht schlauer sein und können nur hoffen, dass die Damen und Herren in der Entscheidungsverantwortung gute Schlüsse gezogen haben aus den Erfahrungen der Wegstücke, die hinter uns liegen.

Beim Sortieren von Unterlagen ist mir heute eine Postkarte mit dem oben genannten Spruch in die Hände gefallen: Jenseits von richtig oder falsch liegt ein Ort. Dort begegnen wir uns. Und genau das wünsche ich uns, wenn heute Nachmittag oder Abend die Wegmarken für die nächsten Wochen bekannt gegeben werden, dass wir lernen jenseits von richtig oder falsch im guten Willen das nächste Wegstück zu schaffen, uns begegnen statt uns weiter voneinander zu entfernen – auch wenn diese Begegnung vermutlich leider noch eine ganze Weile digital oder nur von weitem sein wird.

(Juliane Schaad, 19.01.2021)