Wo der Geist schon kräftig wirkt

Um die Kraft des Heiligen Geistes müssen und sollen wir immer wieder neu bitten – aber kam und kommt er auch bei uns an? Ich lade Euch ein, den Blickwinkel zu wechseln: Lasst uns einmal rückblickend schauen, wo der Geist schon kräftig gewirkt hat oder auch noch wirkt – und vielleicht sogar durch jeden Einzelnen von Euch selbst!

Ich bin davon überzeugt, dass sich viele während der Corona-Krise in den letzten Wochen in ihrer Funktion und auf ihrem vorbestimmten Platz nach ihren Fähigkeiten so eingebracht haben, dass davon Betroffene nicht nur dankbar dafür sein konnten, sondern dass für manche von ihnen unser Einsatz wie das Wirken des Heiligen Geistes vorkam.

  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr als Arzt oder in einem anderen pflegenden Beruf für (Schwer-)Kranke bis zur Belastungsgrenze da wart.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in politischen Ämtern oder sonstigen exponierten Positionen relevante Entscheidungen weiter vermitteln oder sogar in Eigenverantwortung selbst treffen musstet.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in den sogenannten systemrelevanten Berufen für die Aufrechterhaltung der wichtigen Infrastrukturen gesorgt habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in die Produktion und Vertrieb von Lebensmitteln involviert wart und damit die Versorgung der Gesellschaft sichergestellt habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr als Seelsorger oder als Ansprechpersonen in jeglicher Form der Lebenshilfe psychische und geistliche Stütze für Alleinstehende oder mit ihren Sorgen Alleingelassene geboten habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr Jüngere Euren älteren Nachbarn oder Bekannten praktische Hilfe angeboten habt, damit diese nicht unnötig ihr Zuhause verlassen mussten.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in Eurer kleinen Zelle „Familie“ bedürftige Familienangehörige moralisch oder gar pflegend unterstützt habt, teilweise sogar abgetrennt von jeglichen externen Hilfen.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr im Vollzeiteinsatz für Eure Kinder präsent wart und – teilweise unter verschärften und eingeengten Verhältnissen – die Rolle des Lehrers, Trösters und Spielkameraden auf einmal übernommen habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr die durch die Krise in Not geratene Mitmenschen finanziell entlastet habt, indem Ihr Eintrittskarten nicht erstatten ließet, Gastronomen durch Spenden oder vorzeitigen Kauf von Gutscheinen unterstütztet, oder sogar als Verpächter oder Vermieter auf die Euch zustehenden Zahlungen vorübergehend verzichtet habt.
  • Der Geist wirkte aber auch überall dort, wo Ihr einfach durch Homeoffice den Empfehlungen der Fachleute gefolgt seid, auf diese Weise öffentliche Räume und die Raumsituation an Eurem Arbeitsplatz entlastet und dadurch das Infektionsrisiko gemindert habt.
  • Und der Geist wirkt schließlich auch dort, wo Ihr – ob bei mehr oder weniger Einsicht – die Andersartigkeit dieses Jahres annehmt und den Verzicht, der bisher schon geboten war und noch kommen wird, akzeptieren könnt, egal wie schmerzlich er ist.

Seien wir uns also dessen bewusst, dass unser Handeln oft auch dann für andere ein Segen ist und be-geistern kann, wenn wir selbst denken: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan …“

Wenn wir dieses Jahr an Pfingsten mit dem Ruf: Komm Heil‘ger Geist um dessen Beistand gebeten haben, uns zugleich aber bei dem Gedanken ertappen: Er kommt doch eh‘ nicht, dann lasst uns erstmal kurz innehalten und dem nachspüren, wo er vielleicht gerade in den letzten Wochen schon sehr wohl gewirkt hat und immer wieder wirkt – in meinem Leben durch andere, aber auch durch mich an anderen.

László Strauß, 02.06.2020

Corona lehrt uns warten

Wenn wir uns beim Einkaufen an der Kasse die Beine in den Bauch stehen, beim Arzt gelangweilt im Wartezimmer sitzen oder händeringend auf Bus und Bahn warten: Selten lassen wir unseren Gedanken freien Lauf. Oft versuchen wir, uns abzulenken und „nutzen“ die Zeit, um die neuesten Nachrichten auf dem Handy abzurufen.

Unsere Zeit ist ungeduldig und hektisch geworden. Haben wir das Warten verlernt? Ist Warten vertane Zeit? Laut Duden bedeutet Warten, „dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint“.

Lange haben wir alle auf die Regel-Lockerungen gewartet, die für die Zeit nach Ostern angekündigt waren. Jetzt endlich ist etwas Bewegung in die Corona-Einschränkungen gekommen. Zumindest kleinere Geschäfte dürfen wieder öffnen. Aber trotzdem geht das Warten weiter – nämlich vor dem Geschäft, bis wir es überhaupt betreten dürfen, weil die zugelassene Kundenzahl begrenzt ist. Doch ich habe den Eindruck, dass plötzlich eine große Gelassenheit herrscht. Keiner in der Schlange schaut aufs Handy. Auch wenn mich die allgemeine Stimmung eher an das Kaninchen vor der Schlange erinnert – etwas verängstigt, gelähmt und nachdenklich –, so aber doch nicht hoffnungslos.

Hat uns die Corona-Krise das Warten gelehrt? Die Kinder warten darauf, endlich wieder auf den Spielplatz, ins Schwimmbad, oder zum Sportverein gehen zu dürfen. Die Größeren warten darauf, sich wieder mit Kumpels treffen oder ins Kino gehen zu können. Mehrere Kinofilmstarts wie zum Beispiel der neue James Bond „Keine Zeit zu sterben“ wurden aufgrund des Corona-Virus verschoben.

Die Gastronomiebetriebe müssen weiter auf die Öffnung warten. Fußballfans warten auf die Fortsetzung der Bundesliga oder die Fußball-Europameisterschaft, die ebenso wie die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurde.

Als Christen haben wir 40 Tage gewartet, bis die Fastenzeit vorüber und Jesus auferstanden ist. Jetzt warten wir 50 Tage bis der Heilige Geist an Pfingsten kommt. Und in der Adventszeit warten wir auf die Geburt Jesus. Für Christen bedeutet dieses Warten aber auch eine Vorfreude!

Die Juden warten noch immer auf den Erlöser und im Islam beginnt in Kürze der Fastenmonat Ramadan. Dann warten die gläubigen Muslime jeden Tag auf Sonnenuntergang, bis sie wieder essen und trinken dürfen.

Doch was alle Religionen verbindet: Sie warten momentan darauf, dass Gottesdienste wieder möglich sind. Immerhin kommen in Deutschland normalerweise weit mehr Menschen am Wochenende in Gotteshäusern zusammen als Fußballfans in die Stadien der ersten und zweiten Bundesliga pilgern.

Wer nicht warten kann, wird ungeduldig und versucht, die Wartezeit dadurch zu verkürzen, dass man ein schnelleres Ende einklagt: Im Einzelhandel ziehen große Kaufhäuser vor Gericht, um die Öffnung zu erzwingen. In Berlin hat eine Gemeinde gegen das Gottesdienst-Verbot geklagt.

Ungeduld ist eines der Merkmale unserer Zeit geworden. Wir sind frustriert, wenn eine Internet-Seite länger als zwei Sekunden braucht, bis sie sich aufgebaut hat. Und Gott bewahre jeden, der an einer gerade grün gewordenen Ampel zu lange braucht, um Gas zu geben. Besessen von immer mehr Schnelligkeit handeln wir unüberlegt, hastig und gereizt.

Üben wir uns in Geduld. Atmen wir mal tief durch. Nutzen wir die Corona-Zeit zur Entschleunigung.

Im Warten kann ich den Wert des ersehnten Ereignisses schätzen lernen. Deshalb sind gerade längere Wartezeiten oft wertvoll. Wer ungeduldig wartet, will weg von der Gegenwart und projiziert alles in die Zukunft, wo er dringend hin will. Das reduziert die Lebensqualität, weil die Gegenwart verloren geht.

Warten wir lieber im Hier und Jetzt. Bleiben wir dabei in der Gegenwart präsent und aufmerksam. Dann kann uns auch Gott begegnen. Und wir können vielleicht die rote Ampel für ein Stoßgebet nutzen, im Wartezimmer für den Arzt und die anderen Patienten beten oder ein Vaterunser sprechen, während der Computer hochfährt.

Wir können uns ein Beispiel an Jesus nehmen, der alles mit Geduld erleidet, der vor allem so viel Geduld mit uns hat und immer wartet, bis wir zu ihm kommen.

Die Geduld ist die Stärke der Schwachen, die Ungeduld ist die Schwäche der Starken.“ (Immanuel Kant)

Johannes Lerch, 18.04.2020