Platzkarten in der Kirche?

Fast überall können nach der Lockerung der Corona-Maßnahmen jetzt wieder Gottesdienste gefeiert werden. Wir waren gestern mit unseren Kindern dabei, und ich hatte mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht, denn die Zahl der zugelassenen Besucher war limitiert.

Zählt jeder von unserer Familie einzeln oder wird unsere häusliche Gemeinschaft als ein Besucher gezählt? Werden wir abgewiesen, wenn wir zu spät kommen? Müsste ich nicht aus Nächstenliebe vorsichtshalber auf den Gottesdienstbesuch verzichten, um anderen nicht den Platz wegzunehmen?

Um Menschen nicht vor der Kirche abweisen zu müssen, vergeben einige Gemeinden Platzkarten, für die man sich vorher anmelden muss. Meine Mutter hatte sich eine Platzkarte telefonisch bestellt und per Post zugesandt bekommen. Was für ein Aufwand. Wenn das so weitergeht, gibt es vielleicht bald eine komfortable Online-Registrierung für den Gottesdienstbesuch – und die Logenplätze auf der Empore? Nein, denn wir wollen den Gottesdienst ja aktiv mitfeiern und nicht nur zuschauen wie im Kino. Vielleicht haben wir uns bei den Livestream-Messen der letzten Wochen auch daran gewöhnt, dass wir gut in der ersten Reihe sitzen können und wagen uns jetzt auch in der Kirche, mal einen Platz weiter vorne einzunehmen.

Aber ob wir überhaupt einen Platz bekommen? Was mir in den Sinn kommt, ist erst einmal der Wirtschaftskundeunterricht über Angebot und Nachfrage. Oft erleben wir unsere Gottesdienste als Angebot mit nur geringer Nachfrage. Wenn jetzt aber das Angebot begrenzt und nur wenige Menschen einen Gottesdienst besuchen dürfen, die Nachfrage von ausgehungerten Christen also steigt, dann müsste der Wert einer Messe ja höher eingeschätzt werden. Vielleicht setzt ja bald ein Run auf die letzten freien Plätze ein – und die Nachfrage wird so groß, dass Platzkarten auf dem Schwarzmarkt verkauft werden? J

Genug der Träumerei. In unserem Gottesdienst haben alle einen Platz bekommen, auch ohne Registrierung. Der Besuch war schon eine eigenartige Erfahrung, aber durchaus mit interessanten, positiven und hoffnungsvollen Aspekten:

  • Am Eingang der Kirche werde ich von freundlichen Helfern begrüßt, die mir Desinfektionsmittel auf die Hände sprühen – wie schön ist doch so eine persönlich Begrüßung: Hier fühle ich mich willkommen.
  • Am Kircheneingang ist kein Weihwasser im Becken. Das lässt mich innehalten: Wozu war noch einmal das Weihwasser? Ach ja, ich erneuere mein Taufversprechen. Dann mache ich das Kreuzzeichen jetzt nicht mechanisch, sondern ganz bewusst.
  • Ein Ordner erklärt mir freundlich, wo ich meinen Sitzplatz einnehmen kann und geleitet mich ein Stück. Ich fühle mich wie im Kino.
  • Auf den Bänken liegen Infozettel für Gottesdienstbesucher aus. Dort stehen alle wichtigen Hygiene-Hinweise, und es wird sehr verständlich und genau erklärt, wie ich mich im Kirchenraum zu verhalten habe. Könnte man da nicht auch mal einen Flyer mit erklärenden Hinweisen zum Messablauf und den liturgischen Elementen des Gottesdienstes auslegen – gerade für Menschen, die nach der Krise wieder neu eine Heilige Messe besuchen und für die eine Orientierung hilfreich wäre?
  • Mitsingen war nicht erlaubt – aber durch innerliches Mitsummen und Hören der Liedtexte kann ich die Inhalte fast noch bewusster wahrnehmen und meinen Gedanken freien Lauf lassen, sodass auch der verinnerlichte Gesang zum doppelten Gebet werden kann.
  • Dass wir uns beim Friedensgruß nicht die Hände geben sollen, sondern durch ein freundliches Zunicken den Frieden wünschen, sind wir bereits gewohnt – allerdings muss ich noch lernen, beim empfohlenen Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, mit den Augen zu lächeln. Aber mit einem freundlichen Blick kann ich weitaus mehr Menschen erreichen als nur meinen Banknachbarn.
  • Beim Kommunionempfang wurden wir aufgefordert, unsere Hände weit nach vorne strecken, um möglichst großen Abstand zum Priester oder Kommunionhelfer einzuhalten – diese Geste ist ungewohnt, aber unterstreicht, dass wir uns zum Herrn ausstrecken und ihn bewusst empfangen dürfen.

Alles in allem waren also meine Erfahrungen des ersten Gottesdienstes unter Corona-Auflagen auch ohne Platzkarte sehr positiv – ein erster Schritt nach vorn und ein Zeichen der Hoffnung.

Johannes Lerch, 18.05.2020

Corona-Halleluja

Mitglieder der Gemeinschaft Emmanuel in Flandern (Belgien) haben aus dem fröhlichen Emmanuel-Lied „Halleluja – Jubilate Deo“ eine Corona-Version erstellt und singen aus verschiedenen Häusern mit selbst gedichteten Texten.

Man sieht ein junges Paar, das in der Corona-Krise mit Mundschutz geheiratet hat und auf der Straße tanzt, eine Familie, bei der die Haare wachsen oder eine Lehrerin, die mit den Schülern im Homeschooling ringt.

Das Lied der Hoffnung verschweigt nicht, dass es in Corona-Zeiten auch manchmal schwierig ist. Aber alle vertrauen auf Gott und möchten dazu ermutigen, mit Zuversicht weiterzumachen.

Eine Übersetzung der niederländischen Untertitel findet Ihr hier:

Wir sind getraut, ja es ist wahr – Halleluja
Mit Masken an, etwas bizarr – Halleluja
Erst auf dem Amt, dann in der Kirch – Halleluja
Ein Straßentanz, die Nachbarn froh – Halleluja

Die Vorschulkinder haben Spaß – Halleluja
Sie müssen nicht pünktlich ins Bett – Halleluja
Und die Frisur‘n, etwas bizarr – Halleluja
Sogar Papa hat Lockenhaar – Halleluja

Die Predigt hier, die Arbeit da – Halleluja
Zum Glück hab’n wir es bald geschafft – Halleluja
Bei zehn im Haus, entsteht auch Schmutz – Halleluja
Dann machen wir den großen Putz – Halleluja

Mein Unterricht mit Google-Tools –  jeden Morgen
Die Schüler froh und keine Tests – keine Sorgen
Mein Hund stört mich, das hör‘ ich oft – eine Ausred‘
Und gnäd‘ge Frau, Smart-School klappt nicht – Oh, ich seufze.

Nach all dem Stress bei meinem Job – will ich ausruh’n
Ich nehme ein Bad im kleinen Pool, – denn ich vermiss‘ das Meer
Ich sitze gern auf dem Balkon –  es ist Sonnenschein
Mit ganzem Herz folg‘ ich der Mess‘ – mein Fels ist der Herr

Denkt Ihr Euch auch: Was ist das hier? – das ist nicht normal
Die Menschen krank oder allein – das ist nicht trivial
So singen wir zu unserem Herrn – zünden Kerzen an
Genau für Dich und jedermann – es ist noch nicht getan

Seit einem Monat hier zuhaus‘ – Halleluja
Mit uns sind acht im ganzen Haus – Halleluja
Manchmal sind wir im Hinterhof – Halleluja
Die Sonne scheint, wir sind schon braun – Halleluja

Welcome im Haus bei Degroote – Halleluja
So eingesperrt ist es nicht schön – Halleluja
Die Sieben hier, lernen so viel – Halleluja
Dreijährige können nichts tun – Halleluja

Sechs Wochen schon auf engem Raum – Halleluja
Nicht viel zu tun, wir drehen durch – Halleluja
Und täglich grüßt das Murmeltier – Halleluja
Ich bau auf Ihn: Er lebt, der Herr – Halleluja

In meinem Haus so eingesperrt – Halleluja
Durch Hausarbeit wird alles rein – Halleluja
Ein schöner Film, eine gutes Buch – Halleluja
und Jesus lebt, erweckt vom Tod – Halleluja

Johannes und Marion Lerch, 05.05.2020

Mit Maske zum Hoffnungsträger werden

Am Mannheimer Stephanienufer wurde auch der Statue von Stephanie de Beauharnais, Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte und Großherzogin von Baden, ein Mundschutz angezogen.

Jetzt ist sie also da, die Maskenpflicht. Alle Bundesländer haben inzwischen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Teilen des öffentlichen Raums zur Pflicht gemacht, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Was bisher als Zeichen der Abschottung galt, wird jetzt gesetzlich vorgeschrieben. Was verbinden wir mit einer Maske? Wer sich eine Maske aufsetzt, will normalerweise unerkannt bleiben, sich verstecken oder andere täuschen. Er zeigt nicht sein wahres Gesicht. Maskierte Männer assoziieren wir mit Banküberfällen, vermummte Menschen mit ausfälligen Demonstrationen.

Bei mittelalterlichen Turnieren kämpften die Ritter in der Regel mit heruntergeklapptem Visier – nur wer Mut hatte und ehrenvoll war, kämpfte mit offenem Visier und gab sich dem Gegner zu erkennen. Bei Fastnacht oder Karneval kann der Maskenträger für eine Zeitlang eine andere Rolle spielen und unerkannt Schabernack treiben. Doch am Aschermittwoch fallen die Masken, und wir legen unsere Rollen ab. Denn es folgt die Zeit des Fastens, um das Antlitz von „Gottes Ebenbild“ wieder ins Licht des Glaubens zu rücken.

Bei uns zu Hause laufen die Nähmaschinen heiß, bis für alle Familienmitglieder passende Schutzmasken gefertigt sind. Zum Glück gibt es ja in allen Medien genügend Anleitungen. Mittlerweile ist auch ein Wettbewerb entbrannt, wer die schönste Maske hat. Man kann durch das neue modische Kleidungsstück auch Botschaften transportieren, noch auffälliger wie über T-Shirts: Ministerpräsidenten tragen eine Maske in den Landesfarben oder mit Landeswappen. Fußballfans finden Masken im Vereins-Look.

Auch christliche Motive habe ich schon entdeckt: Ein katholischer Pfarrer trägt einen Mundschutz mit dem Motiv des Guten Hirten.  Ein evangelischer Landesbischof hat das Ulmer Münster direkt vor der Nase. Ein amerikanischer Gesichtsmasken-Schal „Gott liebt dich“ trägt die Aufschrift „If You Are Reading This, God Loves You. But You Are Too Close.“ Über den Hashtag #maskeauf kann jeder ein Bild seiner selbstgemachten Kreationen zur Schau stellen. „Das wird der sinnvollste Modetrend aller Zeiten“, heißt es auf der Website www.maskeauf.de.

Doch in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen ist ungewohnt und mir anfangs schwer gefallen. Das Atmen wird deutlich beschwerlicher. Wie schön ist es, wenn man frei und tief Luft holen kann. Aber ich kann diese Beschränkung auch ganz bewusst auf mich nehmen und die Maske als Zeichen der Hoffnung tragen. Denn ich  nehme damit Rücksicht auf die anderen und schütze sie vor einer Ansteckung. Ist das nicht ein Zeichen der Nächstenliebe?

Mit dem Tragen einer Maske, die bisher als Symbol der Abschottung galt, kann ich so zum Hoffnungsträger für einen Sieg gegen die Seuche werden.

Johannes Lerch, 03.05.2020

Hochspannung

Es staut sich auf und entlädt sich. Was passiert da gerade? Von verschiedenen Leuten aus ganz verschiedenen Ecken höre ich es: Fast zwei Monate Corona haben eine Wirkung auf uns. Viel Gutes und Positives ist geschehen.

Und dennoch – immer wieder kommt es vor, dass Spannung auftritt und zutage kommt. Bisweilen unbeabsichtigt und unbemerkt, doch die Gereiztheit geht weiter, und irgendwann knallt es. Gewitter kann reinigend sein – hoffentlich und bestenfalls. Ich wünsche uns sehr, dass diese Spannung uns nicht auseinander bringt, sondern weiterführt – miteinander.

Gut, dass wir Menschen Menschen sind. Da gehören verschiedene Stimmungslagen einfach dazu. Da ist nicht immer nur eitel Sonnenschein. Auch bei den Menschen in der Bibel hat es mal geknallt. Auch die Priester, Propheten, Apostel und Heiligen waren nicht immer Musterknaben und brave Mädchen.

Die Geschichten von Mose, David, Petrus, Zachäus oder Sara und noch viele mehr zeugen davon. Auch Jesus hat im Tempel die Fetzen fliegen lassen, weil ihm nicht gepasst hat, wie die Händler mit dem heiligen Ort umgegangen sind.

Immer alle Emotionen zurückzustellen macht krank. Sie allezeit unkontrolliert herauslassen, macht aber auch weder Freude noch Freunde. Den goldenen Mittelweg zu finden und dabei aufrichtig, authentisch und liebend zu bleiben, ist eine der größeren Herausforderungen unseres Lebens.

Viele Dinge füllen meinen Kopf, und ich schaue auf das Licht der Kerze auf meinem Fensterbrett. Dieses Licht dringt direkt in mein Herz und lässt mich lächeln. Auf meinem Handy läuft Musik und irgendwann höre ich „Egal wie du aussiehst, egal wie du dich fühlst: Gott liebt dich!“ Und danach: „Sei mutig und stark und fürchte dich nicht! Denn der Herr, dein Gott ist bei dir!“

Juliane Schaad, 30.04.2020

Und bis wir uns wiedersehen …

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich zum ersten Mal ein Video gesehen habe, in dem ein Blasorchester aus dem „Homeoffice“ dieses Lied gespielt hat – den Refrain von „Möge die Straße uns zusammenführen“, nach irischen Segenswünschen und der Melodie von Markus Pytlik: „Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand!“

Zum ersten Mal habe ich das Lied als Jugendliche gesungen. Unser damaliger Chorleiter war mit dem Komponisten bekannt und hatte es mitgebracht. Mittlerweile wird es wahrscheinlich in den meisten christlichen Kirchen in Deutschland gesungen und ist sehr bekannt. Und mir wird immer mehr bewusst: Der Text ist wahr und das nicht nur als Verheißung oder Wunsch, sondern als Tatsache.

Besonders der Refrain enthält eine Hoffnung und eine Wahrheit, die uns jetzt in Zeiten der Corona-Krise tragen kann: Wir werden uns wiedersehen! Ganz bestimmt – und das nicht erst im Himmel, sondern bald wieder auch hier auf der Erde. Und bis dahin wissen wir: Gott hält Dich und mich und alle, die wir lieben und gerade nicht treffen oder umarmen können, fest in seiner Hand.

Juliane Schad, 20.04.2019

Hier der Liedtext:

1. Möge die Straße uns zusammenführen
und der Wind in deinem Rücken sein;
sanft falle Regen auf deine Felder
und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.

Refrain: Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand;
und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.

2. Führe die Straße, die du gehst
immer nur zu deinem Ziel bergab;
hab wenn es kühl wird, warme Gedanken
und den vollen Mond in dunkler Nacht.

3. Hab unterm Kopf ein weiches Kissen,
habe Kleidung und das täglich Brot;
sei über vierzig Jahre im Himmel,
bevor der Teufel merkt du bist schon tot.

4. Bis wir uns mal wiedersehen,
hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt;
er halte dich in seinen Händen,
doch drücke seine Faust dich nicht zu fest.

(Markus Pytlik)

Corona lehrt uns warten

Wenn wir uns beim Einkaufen an der Kasse die Beine in den Bauch stehen, beim Arzt gelangweilt im Wartezimmer sitzen oder händeringend auf Bus und Bahn warten: Selten lassen wir unseren Gedanken freien Lauf. Oft versuchen wir, uns abzulenken und „nutzen“ die Zeit, um die neuesten Nachrichten auf dem Handy abzurufen.

Unsere Zeit ist ungeduldig und hektisch geworden. Haben wir das Warten verlernt? Ist Warten vertane Zeit? Laut Duden bedeutet Warten, „dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint“.

Lange haben wir alle auf die Regel-Lockerungen gewartet, die für die Zeit nach Ostern angekündigt waren. Jetzt endlich ist etwas Bewegung in die Corona-Einschränkungen gekommen. Zumindest kleinere Geschäfte dürfen wieder öffnen. Aber trotzdem geht das Warten weiter – nämlich vor dem Geschäft, bis wir es überhaupt betreten dürfen, weil die zugelassene Kundenzahl begrenzt ist. Doch ich habe den Eindruck, dass plötzlich eine große Gelassenheit herrscht. Keiner in der Schlange schaut aufs Handy. Auch wenn mich die allgemeine Stimmung eher an das Kaninchen vor der Schlange erinnert – etwas verängstigt, gelähmt und nachdenklich –, so aber doch nicht hoffnungslos.

Hat uns die Corona-Krise das Warten gelehrt? Die Kinder warten darauf, endlich wieder auf den Spielplatz, ins Schwimmbad, oder zum Sportverein gehen zu dürfen. Die Größeren warten darauf, sich wieder mit Kumpels treffen oder ins Kino gehen zu können. Mehrere Kinofilmstarts wie zum Beispiel der neue James Bond „Keine Zeit zu sterben“ wurden aufgrund des Corona-Virus verschoben.

Die Gastronomiebetriebe müssen weiter auf die Öffnung warten. Fußballfans warten auf die Fortsetzung der Bundesliga oder die Fußball-Europameisterschaft, die ebenso wie die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurde.

Als Christen haben wir 40 Tage gewartet, bis die Fastenzeit vorüber und Jesus auferstanden ist. Jetzt warten wir 50 Tage bis der Heilige Geist an Pfingsten kommt. Und in der Adventszeit warten wir auf die Geburt Jesus. Für Christen bedeutet dieses Warten aber auch eine Vorfreude!

Die Juden warten noch immer auf den Erlöser und im Islam beginnt in Kürze der Fastenmonat Ramadan. Dann warten die gläubigen Muslime jeden Tag auf Sonnenuntergang, bis sie wieder essen und trinken dürfen.

Doch was alle Religionen verbindet: Sie warten momentan darauf, dass Gottesdienste wieder möglich sind. Immerhin kommen in Deutschland normalerweise weit mehr Menschen am Wochenende in Gotteshäusern zusammen als Fußballfans in die Stadien der ersten und zweiten Bundesliga pilgern.

Wer nicht warten kann, wird ungeduldig und versucht, die Wartezeit dadurch zu verkürzen, dass man ein schnelleres Ende einklagt: Im Einzelhandel ziehen große Kaufhäuser vor Gericht, um die Öffnung zu erzwingen. In Berlin hat eine Gemeinde gegen das Gottesdienst-Verbot geklagt.

Ungeduld ist eines der Merkmale unserer Zeit geworden. Wir sind frustriert, wenn eine Internet-Seite länger als zwei Sekunden braucht, bis sie sich aufgebaut hat. Und Gott bewahre jeden, der an einer gerade grün gewordenen Ampel zu lange braucht, um Gas zu geben. Besessen von immer mehr Schnelligkeit handeln wir unüberlegt, hastig und gereizt.

Üben wir uns in Geduld. Atmen wir mal tief durch. Nutzen wir die Corona-Zeit zur Entschleunigung.

Im Warten kann ich den Wert des ersehnten Ereignisses schätzen lernen. Deshalb sind gerade längere Wartezeiten oft wertvoll. Wer ungeduldig wartet, will weg von der Gegenwart und projiziert alles in die Zukunft, wo er dringend hin will. Das reduziert die Lebensqualität, weil die Gegenwart verloren geht.

Warten wir lieber im Hier und Jetzt. Bleiben wir dabei in der Gegenwart präsent und aufmerksam. Dann kann uns auch Gott begegnen. Und wir können vielleicht die rote Ampel für ein Stoßgebet nutzen, im Wartezimmer für den Arzt und die anderen Patienten beten oder ein Vaterunser sprechen, während der Computer hochfährt.

Wir können uns ein Beispiel an Jesus nehmen, der alles mit Geduld erleidet, der vor allem so viel Geduld mit uns hat und immer wartet, bis wir zu ihm kommen.

Die Geduld ist die Stärke der Schwachen, die Ungeduld ist die Schwäche der Starken.“ (Immanuel Kant)

Johannes Lerch, 18.04.2020

Mit Jona in der Quarantäne

In diesen außergewöhnlichen Zeiten kommt mir immer wieder das Buch Jona aus dem Alten Testament in den Sinn, genauer gesagt die Szene, in der der Prophet Jona drei Tage im Bauch eines großen Fisches verbringt.

Ich frage mich, ob wir nicht alle gerade auch im „Bauch des Fisches“ leben, weil wir auf uns und unsere engste Umgebung zurückgeworfen sind.

Jona landete im Fisch, weil er vor dem Auftrag, den Gott ihm gegeben hat, davongelaufen ist.

Wie steht es mit mir, mit uns? Kennen wir unsere Aufgabe(n)? Kennen wir den Willen Gottes für unser Leben, für die jetzige Situation? Laufen wir vielleicht vor unserem Auftrag davon und suchen uns andere Dinge, um das, was Gott von uns möchte, nicht tun zu müssen? Sind wir bereit, unser Leben gegebenenfalls zu ändern und neu auszurichten?

Es wäre doch spannend, sich mit diesen und ähnlichen Fragen in dieser Zeit auseinandersetzen.

Jona kapierte jedenfalls, wie es weitergehen soll, nachdem der Fisch ihn wieder ausgespien hat, und er führte seine Aufgabe sehr erfolgreich aus. Warum er trotzdem nicht zufrieden war, könnt Ihr selbst im wirklich sehr kurzen Buch Jona nachlesen. Nur so viel sei verraten: Die Geschichte hat einen überraschenden Ausgang.

Und nun: Nutzen wir die vielfach geschenkte Zeit, um wie Jona zu lernen?

Ludger Fest, 15.04.2020

Vom Grundrecht auf Hoffnung

Ein Gedanke von Papst Franziskus bei seiner Predigt in der Osternacht im Petersdom hat mich sehr beschäftigt: Es gibt ein „Grundrecht auf Hoffnung“! Grund genug, das in unserem Blog aufzugreifen.

Wir kennen Grundrechte aus unserem Grundgesetz, zum Beispiel die Menschenwürde, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht auf freie Meinungsäußerung oder die Religionsfreiheit. Nicht nur in einer Zeit, in der der Gottesbezug in der Präämbel des Grundgesetztes heftig diskutiert wurde, sondern auch im Hinblick auf die Corona-Krise ist ein Grundrecht auf Hoffnung ein wohltuender Gedanke: Hoffnung, die von Gott kommt, ist nicht nur einigen wenigen vorbehalten, sondern jeder Mensch darf zu Recht hoffen – das kann niemandem genommen werden.

Wörtlich sagte Papst Franziskus: Heute Nacht erlangen wir ein Grundrecht, das uns nicht genommen werden wird: das Recht auf Hoffnung. Es ist eine neue, lebendige Hoffnung, die von Gott kommt. Sie ist nicht bloßer Optimismus, sie ist nicht ein Schulterklopfen oder eine freundliche Ermutigung. Sie ist eine Gabe des Himmels, die wir uns nicht selbst besorgen konnten. Alles wird gut, so sagen wir beharrlich in diesen Tagen und klammern uns dabei an die Schönheit unserer Menschlichkeit und lassen vom Herzen Worte der Ermutigung aufsteigen. Aber mit dem Verstreichen der Tage und der Zunahme der Ängste kann selbst die kühnste Hoffnung sich verflüchtigen. Die Hoffnung Jesu ist anders. Sie legt die Gewissheit ins Herz, dass Gott alles zum Guten zu wenden vermag, da er sogar aus dem Grab das Leben hervorgehen lässt.

Im weiteren Verlauf seiner Osterpredigt forderte der Papst uns auf, diese Hoffnung weiterzugeben: Das ist die Osterbotschaft, die Botschaft von Hoffnung. Sie enthält dann einen zweiten Teil, die Sendung. Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen (Mt 28,10), sagt Jesus. Er geht euch voraus nach Galiläa (V. 7), sagt der Engel. Der Herr geht uns voraus. Es ist schön zu wissen, dass er vor uns hergeht, dass er in unser Leben und unseren Tod gekommen ist, um uns nach Galiläa vorauszugehen, an den Ort nämlich, der für ihn und seine Jünger das tägliche Leben, die Familie, die Arbeit bedeutete. Jesus möchte, dass wir die Hoffnung dorthin bringen, in das Leben eines jeden Tages. Aber Galiläa war für die Jünger auch der Ort der Erinnerungen, vor allem an den ersten Ruf. Nach Galiläa zurückkehren heißt sich daran erinnern, dass wir von Gott geliebt und gerufen worden sind. Es ist notwendig, dass wir den Weg wiederaufnehmen, indem wir daran denken, dass wir von einem unentgeltlichen Ruf der Liebe geboren und wiedergeboren werden. Von diesem Punkt aus sollen wir wieder neu aufbrechen, vor allem in Zeiten der Krise und der Prüfung.

Die Botschaft der Hoffnung gelte allen Menschen. Sie dürfe nicht in unsere heiligen Bezirke eingegrenzt werden, sondern müsse zu allen gebracht werden, betonte der Papst weiter. Denn alle bräuchten Ermutigung. Es sei Aufgabe der Christen, Trost zuzusprechen, die Last der anderen zu tragen, zu ermutigen und das Leben in Zeiten des Todes zu verkünden.

(Der vollständige Wortlaut der Papst-Predigt ist in VaticanNews veröffentlicht.)

Und noch ein Gedanke von Papst Franziskus aus der Osteransprache vor dem Urbi et Orbi Segen, der mir gut gefallen hat: Es geht hier um eine andere Art der Ansteckung, die von Herz zu Herz übertragen wird – denn jedes menschliche Herz ersehnt diese Gute Nachricht. Es ist die Ansteckung der Hoffnung:Er lebt, der Herr, meine Hoffnung! Das ist kein Zauberspruch, welcher unsere Probleme verschwinden lässt. Nein, die Auferstehung Christi ist etwas anderes. Sie ist der Sieg der Liebe über die Wurzel des Bösen, ein Sieg, der Leiden und Tod nicht umgeht, sondern durchquert und im Abgrund einen Weg öffnet und damit Böses in Gutes verwandelt.

(Der vollständige Wortlaut der Osteransprache ist ebenfalls in VaticanNews veröffentlicht.)

Johannes Lerch, 12.04.2020

Not macht erfinderisch!

Bild eines Gabenzauns in Heidelberg. Quelle: rnz.de, Foto: Scholz

Dass wir in dieser Zeit in einer Notsituation sind, wird wohl niemand bestreiten. Was mich immer wieder beeindruckt, ist aber, wie erfinderisch viele Menschen geworden sind. Vom Einkaufen für ältere Menschen über Gassi-Gehen mit Hunden, deren Besitzer sich nicht aus dem Haus wagen, einem Sorgentelefon, wo man anrufen kann, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt bis hin zum Einrichten eines „Gabenzauns“. Da werden verschiedene Dinge in Tüten an einen Zaum gehängt für Menschen, die auf der Straße leben und momentan keine Möglichkeit haben, etwas zu Essen oder auch so etwas wie Zahnpasta zu bekommen.

In einem Schweizer Altersheim wurden Besuchsboxen gebaut, in denen man die Bewohner ohne Ansteckungsgefahr hinter einer Plexiglasscheibe sehen und über Telefon sprechen kann.

Selbst eine Initiative zum Nähen von Schutzmasken ist entstanden (https://maskmaker.de oder https://maskeauf.de). Diese sind zwar nicht zertifiziert, bieten aber doch einen gewissen Schutz, vor allem, um andere nicht anzustecken!

Das beeindruckt mich! Ich bin dankbar, dass Menschen sich diese Gedanken machen und handeln, weil sie merken, dass sie etwas für andere tun können. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40).

Gabi Gelhausen, 11.04.2020

Die zwei Balken des Kreuzes

Eines der beliebtesten und bekanntesten Symbole, die es überhaupt auf der Welt gibt, ist das Kreuz. Es ist DAS Symbol des Christentums. Und nicht nur Christen tragen Kreuze, sondern auch als Modeschmuck für jedermann und -frau ist dieses Symbol beliebt.

Es gibt verschiedene Kreuzformen. Die bei uns in Deutschland bekannteste und beliebteste Kreuzform ist ein solches mit einem langen vertikalen Balken und einem kürzeren horizontalen Balken, der von der Mitte des vertikalen Balkens aus etwas nach oben verschoben ist.

Wenn ich mit Kindern zum Beispiel in der Kindertagesstätte oder dem Erstkommunionkurs, das Kreuzzeichen übe, spreche ich dabei nicht nur das übliche „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, sondern erkläre dieses Zeichen danach beispielsweise auch mit: „Gott ist bei uns von oben bis unten und von links nach rechts.“ Oder: „Gott ist in unserem Denken, unserem Herzen und unserem Handeln.“

Ein weiterer Aspekt des Kreuzes, der sehr gut deutlich macht, was das Kreuz bedeutet, ist die Ausrichtung der Balken. Der senkrechte Balken stellt die Verbindung von jedem einzelnen Menschen zu Gott dar und der waagrechte Balken die Verbindung zwischen uns Menschen untereinander. Beide Verbindungen tragen uns. Auf beide Richtungen sind wir angewiesen. So kann ich das zumindest aus meiner eigenen Erfahrung sagen und der Sicht von jemandem, der an Gott glaubt und daran, dass er bedeutsam für die Welt ist. .

In einer Zeit, in der viele von uns kaum Menschen treffen und nur sehr eingeschränkt soziale Kontakte pflegen können, merken wir, wie sehr wir Gemeinschaftswesen und auf andere angewiesen sind.

Die von der Bundesregierung erlassene Kontaktbeschränkung bringt viele Menschen, so sinnvoll und berechtigt sie sein mag, an ihre Grenzen, sei es aus Einsamkeit, Hilflosigkeit oder weil die häusliche Gemeinschaft unbekannten Herausforderungen oder Enge ausgesetzt ist.

Wir brauchen einander. Und wir brauchen Gott. Immer mehr Menschen fangen (wieder) an zu beten oder beten gerade jetzt sehr intensiv und regelmäßig. Wenn der uns bekannte Alltag wegfällt und trotzdem kein Urlaub ist, wenn Unsicherheit, Sorgen, schlechte Nachrichten und Zweifel das Denken bestimmen, ist die Sehnsucht nach einer höheren Macht, die alles im Griff hat, groß.

Verbindungen müssen gepflegt werden, sonst werden sie marode und brechen ab. Das wissen wir alle aus eigenen Erfahrungen. Eine gut geölte, ab und zu gewartete und genutzte Leitung, ist flexibel, stark und hält auch mal einen Sturm aus. So ist das mit der Leitung zu Gott und so ist das auch mit den Verbindungen zu anderen Menschen.

Diese Zeit besonderer Herausforderungen ist eine gute Gelegenheit, Verbindungen verschiedener Art wieder neu aufzunehmen. Gerade in der Karwoche haben wir die Sehnsucht nach einer Nähe zu Gott. Wir fühlen das Leid in dieser Welt und wir haben Sehnsucht nach Jesus, der den Weg des Leids für alle Menschen in Not gegangen ist. Das Kreuz ist unser Verbindungsweg. Wenn wir in Gedanken, Gebet oder dem Lesen der Bibeltexte den Kreuzweg mit Jesus gehen, sind wir durch das Kreuz mit Gott verbunden und ebenfalls durch das Kreuz mit allen anderen Menschen in ihrem je eigenen Kreuz.

Beispiele für eine Kreuzwegandacht finden Sie im Gotteslob unter Nr. 683 und Nr. 684 und die entsprechenden Bibeltexte in den Evangelien unter Matthäus 26-28, Markus 14-16, Lukas 22-24 und Johannes 18-20.

In der Verbindung zu Gott und zu den anderen Menschen, wie auch immer sie geartet sein mag, können wir dann spüren, dass wir nicht alleine und getragen sind. Und so können wir voller Überzeugung und Freude auch an diesem Fest die Auferstehung Jesu feiern und erfahren: Jesus lebt!

In diesem Sinne wünsche ich allen gesegnete Kartage!

Juliane Schaad, 10.04.2020