Mit Abstand betrachtet

Im Moment ist so herrliches Wetter und ich gehe jeden Tag eine Zeit lang an die frische Luft, um Sonne zu tanken und ein bisschen Bewegung zu bekommen.

In unserem Dorf ist nicht viel los, trotzdem trifft man immer wieder jemanden. Wobei, „treffen“ ist ja fast zu viel gesagt. Man versucht, sich so weit es geht aus dem Weg zu gehen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich plötzlich misstrauisch geworden bin und bei jedem Entgegenkommenden abschätze, ob er nicht vielleicht schon infiziert sein könnte. Ich mache einen entsprechend großen Bogen und ärgere mich, wenn mein Gegenüber nicht auch deutlich versucht, auf Distanz zu bleiben. Auf diese Art wird der Frühlingsspaziergang schnell zum Spießrutenlauf. Nur wo es menschenleer ist, genieße ich die frische Luft.

Stopp! So möchte ich nicht denken! Jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, baut zu der räumlichen Distanz auch noch eine mentale auf. Dabei sind die allermeisten Menschen bemüht, niemanden in Gefahr zu bringen. Das nehme ich mir zu Herzen.

Beim nächsten Spaziergang mache ich wieder einen großen Bogen, lächle die Leute dabei aber an. Die Leute lächeln zurück. Einmal amüsiert sich ein älteres Paar darüber, dass unsere Großfamilie im Gänsemarsch an ihnen vorbeizieht, schön hintereinander, auf der anderen Straßenseite. Wir lachen.

So ist das doch viel besser zu ertragen. Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Alexandra Gottwick, 28.03.2020

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