Ist die Krise böse?

Gott lässt Böses geschehen und das ist gut, sagt Thomas von Aquin. Was sagen  Sie dazu?“ So lautete eines der Themen, das wir bei einem Deutschaufsatz in unserer Abiturklasse wählen konnten. Im Vorfeld hatten wir uns im Unterricht mit dem Phänomen des Bösen auseinandergesetzt.

Viele empfinden es befreiend, in der Corona-Krise nicht nur auf das Bedrohende zu schauen, denn das ist für viele die normale Blickrichtung. Wer nach der Gnade Ausschau hält, kann das Gute entdecken, das Thomas von Aquin im obigen Satz beschreibt.

Aber es lohnt sich, dem nachzuspüren, was für uns „böse“ bedeutet. Dazu ist es hilfreich, zu fragen, was wir unter „Liebe“ verstehen. Ein gängiges Paradigma ist: Nur DER liebt mich, der meine Wünsche bzw. Erwartungen erfüllt. Wer sie nicht erfüllt, den empfindet man als böse (er tut ja nicht, was ich will), er ist mein Feind. Ist uns bewusst, dass das nicht das Paradigma der Liebe ist, sondern das des Egoismus?

Die Corona-Krise ist alles andere als das, was wir uns wünschen. Und schon sind wir bei der Frage:  Wie kann Gott gut sein, wenn er so etwas zulässt? Ein Atheist erzählte mir, dass sein Vater gestorben sei, als er sieben Jahre alt war. Ein Gott, der so etwas zugelassen hatte, konnte für ihn nicht gut sein. Es war für ihn erträglicher, davon auszugehen, dass es keinen Gott gibt. Enttäuschte Erwartungen (die ja oft ganz unterschwellig sind) können ein großes Hindernis sein, sich näher auf Gott einzulassen.

Jesus gibt in Johannes 15,13 eine ganz andere Definition von Liebe: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Jesus gab sein Leben hin für uns. Gott ist die Liebe heißt es in 1 Johannes 4,8b und 16b.

Und in Johannes 10,10b sagt Jesus: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Viele verstehen darunter Sorglosigkeit, aber vor allem Gesundheit: „Ich wünsche dir zum Geburtstag alles Gute, vor allem Gesundheit! Das ist die Hauptsache!“ Doch „Fülle des Lebens“ ist noch etwas ganz anderes.

Ich habe mir 1989 aus der Süddeutschen Zeitung einen Nachruf ausgeschnitten und aufgehoben (9 x 14 cm, kostete grob geschätzt 400 DM). Er war von den Schwestern, Pflegern und Ärzten (!) einer Abteilung eines Münchener Krankenhauses geschaltet worden. Sie schrieben: „In Liebe und Ehrfurcht nehmen wir Abschied von unserer Patientin E… . Sie hat uns 29 Jahre vorgelebt, wie man eine Krankheit annimmt, die die Medizin nicht heilen kann.“ Sie muss wirklich ein Leben innerer Fülle gelebt haben, wenn sie eine solche Ausstrahlung hatte, dass man ihr einen solchen Nachruf widmete. Sie hatte in ihrer sie sicher herausfordernden gesundheitlichen Lage eine ganz besondere Gnade erhalten. Aber sie war auch dafür bereit gewesen, denn Gott zwingt sie niemandem auf. Er achtet voll Ehrfurcht unsere Freiheit.

Für mich ist diese Patientin eine sehr österliche Gestalt, die mich mahnt, mich immer wieder für die Gnade zu öffnen. In diesem Sinn eine sehr gesegnete Karwoche und eine große Offenheit für das Osterfest.

Georg Bickl, 08.04.2020

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